Karriere-Knick zum Schlapplachen
Glucksen, Prusten, lauthals Lachen: Die Komödie „Der Gast“ hat hohen Unterhaltungswert. Grimme-Preisträger Ali Samadi Ahadi hat in seiner ersten Theaterregie ein Feuerwerk gezündet. Die vier Schauspieler setzen Pointen und lassen die menschlichen Tragödien durchscheinen.
Das Publikum amüsierte sich bestens bei der Premiere in der Fabrik Heeder. Zwei Stunden lang bietet sich reichliche Gelegenheit zum Glucksen, Prusten oder lauthals Lachen. Denn in dieser Produktion kommen viele Garanten für gute Komik zusammen: Pharao, der in Frankreich Meister der Sitcoms ist, kann Pointen ohne Anlauf setzen. Regisseur Ali Samadi Ahadi hat sein Komödien-Gen schon mit dem Kino-Erfolg „Salami Aleikum“ herausgekehrt. In seiner ersten Theaterarbeit führt er die Personen mit leichter Hand auf dem schmalen Grat zwischen Durchschnitt und Durchknallen. Die Schauspieler haben das richtige Timing, mit dem sie aus ruhigem Wasser der Normalität in aberwitzige Situationen geraten, die kurz vor dem Nervenzusammenbruch enden. Dieser Karriereknick ist zum Schlapplachen. […] Als Möchtegern-Welt-Versteher mit linealgezogenem Scheitel und Nerd-Brille ist Banholzer ein liebenswerter Besserwisser. Im schier aussichtslosen Unterfangen, dem schwerbegriffigen Ehe-paar das Business zu erklären, verdient er Mitleid. Lustvoll will er das Geschehen lenken, ständig Zweifel streuen und Verunsicherung schaffen, die er dann beheben kann. Das macht er dezent mit erhobener Augenbraue oder als verzweifelndes Nervenwrack. Daniel Minetti glänzt als Fettnäpfchen-Sprinter, der sich der Autorität des Nachbarn und des künftigen Arbeitgebers beugt, aber seine Frau auch mal gern zur Schnecke macht. Eva Spott, die als königliche Iokaste in „Ödipus“ eine hervorragende Figur gemacht hat, beherrscht auch die Leichtigkeit des Komischen. Unbedarft und herzig, aber nicht harmlos, hält sie selbst im größten Chaos den Kopf über Wasser. Als Ehepaar sind beide in ihren Bewegungen oft synchron, aber in der Haltung erfrischend gegensätzlich abgestoßen von der Inszenierung eines Scheinlebens für den erwarteten Gast, spielen sie sich die Bälle zu, drehen ihre Meinungen und wechseln die Stimmungen in rasantem Tempo. Der, den sie beeindrucken wollen, steht früher als erwartet im Türrahmen. Der Gast (Joachim Henschke) ist so anders als erwartet. Alle Makulatur scheint vergebens, gar fatal. Oder haben sie ihr Spiel gar vor dem Falschen aufgeführt? Pharaos Komödie lebt von plötzlichen Richtungswechseln, jede absehbare Pointe hat hier noch einen witzigen Nachhall. Dem entspricht Dietrich von Grebmers Ausstattung. Mit Spießer-Schlips und Federboa lässt er die kleinen Leute den großen Traum von der feinen Welt aufragen. Mit Schleifchenvorhängen und Plüschkissen schafft er einen Buntstift-Heimeligkeit, die eine Essgruppe in Schieflage, Bullaugen und Metalltüren aufbrechen. U-Boot-Atmosphäre als Bild für den Alltagskampf gegen das Untergehen ist eine nette Idee.
[Rheinische Post, Krefeld, 7. Januar 2012]
Die Berater übernehmen das Kommando
David Pharaos „Der Gast“ wirft böse Blicke auf die heutige Arbeitswelt
Bei der Krefelder Premiere in der Fabrik Heeder obliegt es Felix Banholzer, dem schnieken Ratgeber von nebenan ein Gesicht zu geben. Im stets frisch gebügelten Hemd, den obersten Knopf leger geöffnet, erklärt er seinem arbeitslosen Spießernachbarn (Daniel Minetti) und dessen aufgescheuchter Gattin (Eva Spott) die Welt. Die Arbeitswelt, um genau zu sein, in der man nicht deshalb etwas wird, weil man etwas ist – zum Beispiel gut in seinem Job –, sondern weil man etwas darstellt. […] Minetti schlunzt diesen großmäuligen Verlierer mit einer lässigen Selbstverständlichkeit auf die Bühne, dass es eine Freude ist. In Gérards Frau lässt Spott immer wieder verschüttete Sehnsucht und viel Temperament aufblitzen. Colette wollte mehr vom Leben, heute stellt sie ihrem Möchtegern-Bundy die Pantoffeln hin. Bühnenbildner Dietrich von Grebmer charakterisiert das Paar schon über die Wohnung, die so wirkt, als habe er an 20 Trödeltischen stets das scheußlichste Teil gekauft. Dass die deprimierende Realität der Arbeitslosigkeit die heile Welt längst in Wanken gebracht hat, zeigt der schiefe Fußboden. Auf den zweiten Blick ist die Wohnung ein U-Boot mit Bullaugen und Rohren: Gérard und Colette sind untergetaucht, nur so halten sie ihr Leben aus. Doch dann kommt der künftige Chef (Joachim Henschke) zum Abendessen und der Berater ins Spiel. Schließlich soll Gérard dieses letzte perverse Assessment-Center überstehen, die endgültige Auflösung des Privaten im Beruflichen. Es ist die bösartigste Idee im Stück, und sie setzt eine Kette von Nervenzusammenbrüchen und Verzweiflungstaten in Gang. Regisseur Ali Samadi Ahadi inszeniert den anwachsenden Irrsinn mit sicherem Timing und gutem Gespür für die Figuren.
[Westdeutsche Zeitung, Krefeld, 7. Januar 2012]
Schauspieler glänzen
Mit der Inszenierung von David Pharaos "Der Gast" hat Filmregisseur Ali Samadi Ahadi seine erste Theaterarbeit abgeliefert: die Geschichte vom Langzeitarbeitslosen Gérard, der einen neuen Job in Aussicht hat. Kurz vor der Zusage erwartet er seinen zukünftigen Chef zum Abendessen. Ganz klar, das ist ein Test und deswegen muss man sich ganz anders präsentieren, als man eigentlich ist – sagt der Nachbar. Das Chaos nimmt seinen Lauf. […] Minettis Gérard ist ein Spießer, der zwischen kompromissloser Pingeligkeit und fast kindlicher Freude über seine Eisenbahn und die neuen Zukunftsaussichten schwankt. Dabei ist er unsicher und passt sich seiner Umgebung komplett an: sei es dem neuen Chef, sei es der Meinung des Nachbarn. Mit Eva Spott steht Minetti ein quirliger Gegenpart gegenüber. Eine Frau im Kittel, die sich voll und ganz auf ihren Mann einstellt. Die sich seine Beschimpfungen gefallen lässt, wenn er ein Ventil für seinen Frust braucht. Aber je mehr sich der Abend in ein Chaos ver-wandelt, desto mehr Rückgrat gibt Eva Spott ihrer Figur – bis sie schließlich konsequent aufräumt. Glanzpunkt des Abends ist Felix Banholzer als Alexandre, der mit modischer Macher-Brille und Seitenscheitel den eloquenten Berater mimt und sich immer wieder ungefragt ein-mischt. Banholzer gibt den freundlichen Blender, den Besserwisser, der trotzdem sympathisch bleibt. Der munter drauflos doziert, blind für die Wirkung seiner Worte. Er berät, um eine Aufgabe zu haben, nicht um seinen Klienten zu helfen.
[Rheinische Post Mönchengladbach, 28. März 2011]
Ein temporeicher Abend
Mit der Dokumentation "The Green Wave" über die Protestbewegung im Iran wurde der Filmregisseur Ali Samadi Ahadi bekannt. Nun hat er sein erstes Theaterstück inszeniert, eine ganz klassisch gebaute Komödie. In der es nicht um Migranten geht, sondern um Langzeitarbeitslose. […] David Pharaos Komödie ist nach den klassischen Regeln des Theaters gebaut, drei Akte, vier Personen, Pointen im Klippklapptempo. Was das Stück aus den Üblichkeiten des Boulevards heraus hebt, ist sein böses Ende. […] In einem hübsch geschmacklosen Bühnenbild aus Blümchentapete, Flokatiteppichen und Kitschtempel inszeniert Ali Samadi Ahadi einen temporeichen Abend. […] Daniel Minetti als Gérard und Felix Banholzer als Nachbar [gelingt es], hinter aller Hysterie, Angst und Andeutungen von Verlorenheit durchschimmern zu lassen. Der sehr lange, herzliche Applaus des Publikums zeigt, dass diese Komödie mit ihren bitteren Untertönen und einer sehr deftigen Alltagssprache ankommt. Es gelingt selten, die Form des klassischen Unterhaltungstheaters mit satirischen, kritischen Inhalten zu verbinden. David Pharao hat das geschafft. Und Ali Samadi Ahadi hat Freude am Theater gefunden.
[Theater pur, Mai 2011]