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Theater Krefeld/Möchengladbach

König Ödipus

Schicksal und Schuld eines verfluchten Kinder

Matthias Gehrt inszeniert im Studio Sophokles’ Tragödie „König Ödipus“ als fesselnden Psychothriller auf engstem Raum
Dieser dramatischen Konstruktion mit ihrer tragischen Ironie kann sich auch nach 2400 Jahren kein Zuschauer entziehen. […] Wirkungsvoll hat nun Gladbachs Schauspieldirektor Matthias Gehrt die Tragödie auf die Bühne des kleinen Rheydter Theaterstudios gebracht - komprimiert und in packender Direktheit. […] Einer möglichen Distanz zum Text und zum Geschehen geht Matthias Gehrt dabei gekonnt aus dem Weg: Bühne und Publikumsraum stellen hier einen Einheit dar – der gesamte Raum, in dem das Stück zur Aufführung gebracht wird, ist Bühne. Die neun maskierten Darsteller bewegen sich zwischen den knapp 70 Zuschauern, die auf Hockern sitzen und so zu schweigenden Bürgern Thebens werden. Bruno Winzen hat bei diesem von ständigen Lichtreflexen durchzogenen Kammerspiel die Titelrolle des „verfluchten Kindes“ übernommen. Er spielt den Ödipus mit starkem Körpereinsatz, wunderbar pointiert im sprachlichen Ausdruck zwischen Zorn und Ironie.
Der Mime macht deutlich, dass Ödipus’ Tragik in einem unaufhebbaren Widerspruch besteht. Der mit blutroten Füßen umherirrende Herrscher ist Detektiv und Gesuchter, Rächer und Täter in einer Person. Schließlich bezahlt der Geblendete seine Wahrheits- und Selbstfindung mit seinem Augenlicht. Beeindruckend in diesem fesselnden Psychothriller auf engstem Raum auch Eva Spott in einer Doppelrolle als blinder Seher und hilflose Mutter. Herausragend und spannungsgeladen gestaltet sich vor allem das Rededuell zwischen Ödipus und Teiresias, das nicht nur der Wahrheitsfindung dient, sondern vor unbändiger Emotionalität sprüht.
Bühnenbildner Frank Hänig hat dazu einen sinnlichen Säulenraum geschaffen, mit einem von einem Olivenbaum umrankten und von mehreren Kerzen angestrahlten Altar am Rande.
Minutenlanger Applaus vom hellauf begeisterten Publikum.

[Westdeutsche Zeitung, Mönchengladbach, 19. Dezember 2011]

Der Dämon der Erkenntnis

Großes Schauspiel in kleinem Raum: Die Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles bewahrt ihre Jahrtausende überdauernde Aussagekraft durch die Macht der gebundenen Sprache. Matthias Gehrt bringt das Thema Schuld und Verantwortung den Zuschauern ganz nah.
Im Spiel, das in der Gestik klar und deutlich und in der Diktion noch eindrücklicher gefasst wird, entwickelt Regisseur Matthias Gehrt den alten vorchristlichen Mythos von Schuld ohne Vergebung in starken Bildern und Konflikten und Spannungen. Dabei hilft ihm das von Frank Hänig arrangierte Bühnen-Ambiente sehr. Die Handelnden sind mit einer Art grauer Heilerde maskiert, was besonders bei Joachim Henschke als Kreon bizarr, ja furchterregend aussieht. Für Abwechslung sorgt der dreiköpfige Chor – immer wieder wechseln Helen Wendt, Paul Steinbach und Ronny Tomiska den Standort, deklamieren simultan oder in minutiös geprobter Einsatzfolge. Der Chor schleudert dem von Emotionen erschütterten Ödipus die Stimme des Volkes von Theben entgegen. Bruno Winzens Ödipus bäumt sich auf gegen die ungeheuren Vorwürfe des blinden Sehers Teiresias (Eva Spott), wütend bedroht er seinen Schwager Kreon (Joachim Henschke), der ihm allerdings standhält. Als Erste deutet Ödipus’ Frau Iokaste, auch sie wird von Eva Spott gespielt, die vernommenen Nachrichten richtig – und erhängt sich. […]
Famos beherrschen dies [leiser, differenzierter Tonfall] Joachim Henschkes Kreon und Eva Spott in dieser Doppelrolle.
Ein Besuch ist sehr zu empfehlen.

[Rheinische Post, Mönchengladbach, 19. Dezember 2011]

Thriller um König Ödipus

2000 Jahre nutzen einen guten Stoff nicht ab. Dass Sophokles′ Tragödie "König Ödipus", fast 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung verfasst, noch immer packt, beweisen Schauspieldirektor Matthias Gehrt und Ausstattungsleiter Frank Hänig mit ihrer Inszenierung […]. Der "Ödipus" ist Sophokles′ stärkstes Stück – und vielleicht das beste Schauspiel, das das Theater [bisher] in dieser Spielzeit zeigt. […] Gehrt hat den mythologischen Stoff als Existenz-Thriller in Szene gesetzt. Das Publikum erlebt den rasanten Absturz eines umjubelten Monarchen zum Wrack hautnah: Es gibt keine klassische Bühne. Die Fabrik Heeder hat ein griechisch-blaues Mauerwerk erhalten, überall leuchten Kerzen und Grablichter, sakrale klänge, ein Olivenbaum, antik anmutende Statuetten und der Duft von abgebrannten Salbeiblättern verwandeln die Studiobühne in einen fernen Ort zu ferner Zeit. Die Zuschauer sitzen auf Hockern – mitten im Geschehen – wie Thebens Volk. Die Schauspieler kommen von allen Seiten, gehen zwischen den Sitzenden hindurch. So ist jeder Wimpernschlag, jedes leichte Zittern der Lippen zu sehen. Das Knistern des Hasses wenn Ödipus (Bruno Winzen) seinen Schwager Kreon (Joachim Henschke) der Intrige bezichtigt, ist greifbar. Die Nähe setzt Gehrt ein, um die Ferne zu betonen, sagt er. So wie hier spreche heute niemand mehr. Doch die hochpoetische Übersetzung von Friedrich Hölderlin schafft gar keine Distanz, weil die Schauspieler ausnehmend gute, akkurate Sprecher sind. Als Chor leisten Helen Wendt, Paul Steinbach und Ronny To-miska Präzisionsarbeit, gemeinsam, im Wechsel und kanonartig kommentieren sie das Geschehen und treiben es voran. Den Figuren hat Hänig die Anmutung antiker Marmorstatuen verliehen. In kühlem Wachsweiß wirken sie leblos und erstarrt. Doch das betont Energie, die die Schauspieler ihren Figuren verleihen. Bruno Winzen ist ein grandioser Ödipus, der mal Souverän, mal Zweifler, von Schuld und Angst zerfressen, aber immer aufrecht die Verantwortung für sein Schicksal trägt. Er braucht kein Pathos, in dieser Inszenierung genügt das Zittern des kleinen Fingers. Joachim Henschke füllt seinen "gefühlten Feind" Kreon mit Format. Er ist nicht machtgeiler Stellvertreter, sondern besonnener Mediator. Ebenso beeindruckend ist Eva Spott: Als gebrechlicher Mann (Seher Teiresias) prophezeit sie mit unheilvollem Timbre "Du lebst im Abgrund und ahnst es nicht". Als Iokaste ist sie kluge und tiefensensible Frau, die vor dem unabwendbaren Unheil in den Tod flüchtet. Als altersgebeugte Unglücksboten geben Felix Banholzer, Cornelius Gebert und Daniel Minetti auch den kleinen Rollen Blut und Schweiß.

[Rheinische Post, Krefeld, 4. Juni 2011]

Mittendrin statt nur dabei

Was geht uns Ödipus überhaupt an? Matthias Gehrt findet eine eindrucksvolle Antwort
Matthias Gehrt [...] setzt die Zuschauer auf die Bühne, verteilt sie im hohen Innenraum der Heeder, der mit Kerzen ausgeleuchtet ist, die Wände blau bemalt. Auf Hockern sitzend, blicken die Leute unsicher umher und sehen in den Gesichtern der anderen die gleiche Ahnung - dass dies ein besonderer Theaterabend wird. Einer, der mit dem Kulturkonsum im Sessel nichts zu tun hat, der Ereignis ist statt Event. Mit einem markerschütternden Schrei eröffnet der Chor das grausame Spiel. Ronny Tomiska, Paul Steinbach und Helen Wendt entdecken frische Spielarten in der altbackenen Form, singen, raunen, brüllen. Mal wütender Choral, mal flüsternder Kanon. Was danach zwischen Ödipus, Kreon und Jokaste passiert, die quälend langsame Enthüllung eines unvermeidlichen Schicksals, spielt sich nicht oben im Scheinwerferlicht ab, sondern auf Augenhöhe, mitten im Publikum. Die Darsteller sprechen die sperrigen Verse der Hölderin-Übersetzung, ihre Gesichter sind mit dicken Schichten weißer Schminke überzogen - und doch: Darunter werden sie als Menschen erkennbar, in der vergeistigten Poesie tritt echte Verzweiflung hervor. Wenn die Maske in Fetzen zu Boden fällt, Puder durch die Lichtkegel staubt und die Anzüge befleckt, sind das unvermeidliche Nebenwirkungen, die zugleich eine perfekte Symbolik liefern. Hier bröselt die Patina weg, und darunter liegt eben doch ein großes Stück Weltliteratur, kraftvoll wie vor 2500 Jahren. [...] Die Versuchsanordnung, die Regisseur Gehrt mit Frank Hänig (Bühne/Kostüme) wagt, hat einen weiteren spektakulären Effekt: Man erlebt die Schauspieler nah wie nie, ihre Energie und Anspannung wird fühlbar. Das gilt für Bruno Winzen, der nach dem Jago den zweiten Bravourauftritt der Spielzeit hinlegt, für Joachim Henschke, der als Kreon immer wieder direkten Augenkontakt zum Publikum sucht, für die facettenreiche Eva Spott, die als Seher gespenstisch, als Jokaste voller Wärme daherkommt.

[Westdeutsche Zeitung, Krefeld, 4. Juni 2011]

Tragödie mal anders: Mitten im Publikum

Selten ist die antike Tragödie so verständlich und in solch kraftvoller Direktheit zu erleben.

[Westdeutsche Zeitung, überregional, 4. Juni 2011]