Sprudelnde Fröhlichkeit im ausverkauften TiN in Mönchengladbach
Premiere des Erfolgsmusicals „Me and My Girl“
(…) Im Interimstheater TiN wird jede Aufführung zu einem höchst ungewöhnlichen Gewaltakt für Theaterleitung, Künstler, Dramaturgen und Techniker. Die große Besetzung von „Me and My Girl“ stellt weitere Herausforderungen: 277 Kostüme wurden für die vielen Szenen des Musical geschneidert. Die Räumlichkeiten verlangten vom Ensemble artistische Fähigkeiten beim Garderobenwechsel. Und das Ergebnis: Die Premiere von „Me and My Girl“ im TiN in Mönchengladbach war ein umwerfender Erfolg. Für die alten wie für die ebenso zahlreichen jüngeren Besucher. Die Inszenierung von Georg Köhl wie Bühnenbild und Kostüme von Peter Werner machten die räumlichen Einschränkungen des TiN fast vergessen. Bewegliche Trennwände mit weichen Jugendstil- oder kargen Fabrikmauer-Motiven vermitteln unaufgeregt wie plastisch den Gegensatz von Mayfair und Lambeth. Die Vielfalt der Kostüme in einer subtilen und behänden Choreographie von David Hartland garantiert über den ganzen Abend bleibende Spannung. Die deutschen Sprechdialoge waren der Mayfair- oder Lambeth-Herkunft der Protagonisten gut angepasst („pack ihn in den Trabbi, Pappi”, „Liebe ist etwas für die Mittelklasse” etc.). Die szenischen Abläufe befanden sich in ständigen Bewegungsprozessen. Mit schauspielerischer Höchstleistung, schmissigen Tanzeinlagen, swingenden Klängen und schrulligen Gesangsnummern. Ein großes Kompliment dem ganzen Ensemble: Luis Lay, als Bill Snibson Dreh- und Angelpunkt des Stückes, überzeugte durch komödiantische und tänzerische Präsenz. Gesanglich wie schauspielerisch herausragend Gabriela Kuhn als Sally Smith. Johanna Lindinger als Maria, Herzogin von Dene, als strenge Erzieherin schien direkt aus Windsor Castle importiert. Sir John Tremayne, Franz-Jürgen Zigelski, interpretierte im Schottenrock bestens die manierierte Mayfair-Noblesse, während Peter Lüthke als Sir Jasper Tring in einer dankbaren Rollstuhl-Partie englischen Slapstick vom Feinsten bot. Aber auch Isabelle Razawi als Lady Jaqueline Carstone mit ihrem arbeitsscheuen Verehrer Gerald Bolingbroke, alias Markus Heinrich, waren hervorragend besetzt. Frank Valentin als Butler Charles in penetranter Verschrobenheit stets zentral präsent. Bemerkenswert auch die klare, gut verständliche Sprache des Ensembles. Die Tanzeinlagen und besonders der Lambeth-Walk ein Augen- und Ohrenschmaus. Die Niederrheinischen Sinfoniker unter Kenneth Duryea brachten die musikalischen Highlights stimmig zu den zahlreichen Szenenwechseln von Mayfair nach Lambeth. Zu dieser Produktion und dem Premieren-Abend von „Me and My Girl“ darf man den Vereinigten Bühnen Krefeld und Mönchengladbach gratulieren: Volles Haus, viel junges Publikum, riesiger Jubel für Regie, Ensemble und Musiker. Eine fröhlich persiflierende Inszenierung, ein Paket voll Heiterkeit.
[ioco.de, 23. November 2010]
Ein schwungvolles Königreich
Georg Köhl inszeniert „Me and My Girl” als kunterbunte Revue.
Die Geschichte vom kleinen Mann, der es mit den Großen aufnimmt, dazu eine Persiflage auf die High Society: Das Musical „Me and My Girl“ hat auch gut 70 Jahre nach seiner Uraufführung alle Zutaten für eine reizende Komödie. Und wie in der aktuellen Inszenierung im Theater im Nordpark (TiN) zu erleben, hat das Stück um die Hauptfigur Bill Snibson, der über Nacht zu Ruhm und viel Geld gelangt, nichts von seinem Charme verloren. Zwischen grauen Vorstadtwänden und einem blumigen Salon zeichnet dabei Regisseur Georg Köhl mit großem Aufwand ein stimmungsvolles Bild der „feinen britischen Gesellschaft“. Ob es die Herzogin Maria als „Noblesse Oblige“-Verfechterin mit Pudel ist, des Familienanwalts Herbert Parchesters unfreiwillig komischer Akzent oder der alterssenile Sir John Tremayne im Schottenrock – das Stück lebt von schrulligen Typen und Ritualen. Und von saftiger boulevardesker Situationskomik. Dass es keine Leerläufe gibt, ist auch ein Verdienst der mitreißenden Tanznummern, darunter der legendäre „Lambeth Walk“, und den beeindruckenden Kostümwechseln. Um einen aktuellen Bezug herzustellen, hat Georg Köhl in der vor guter Laune strotzenden Inszenierung kleine textliche Einfälle eingebaut. So gibt es Seitenhiebe aufs englische Königshaus, die „nur Mittelklasse“ ist, wird ein „Trabbi“ verpackt oder tritt die Ahnengalerie als „Fluch der Karibik“ auf. Zauberhaft waren die gesanglichen Leistungen. Vor allem Gabriela Kuhn als gefühlvolle Sally Smith sorgte mit ihrem Song „Hast dein Herz verloren“ für einen der zahlreichen Glanzpunkte. Mit den Niederrheinischen Sinfonikern in kleiner Besetzung sorgte Kenneth Duryea für eine schwungvolle Umsetzung der Partitur zwischen Rummelplatz und Charleston. (…) Immer wieder Szenenapplaus und nach dem Happy End frenetische Ovationen vom Premierenpublikum.
[Westdeutsche Zeitung Mönchengladbach, 21. November 2010]
Der steife Adel tanzt mit Punks
Mit großer Lust nimmt Regisseur Georg Köhl in seiner Inszenierung von Noel Gays Musical Me and My Girl die Gegensätze von Englands Gesellschaft aufs Korn. Dem Ensemble ist ein unterhaltsamer Familienabend gelungen.
Sally passt nicht in die feine Gesellschaft, in die ihr Freund Bill hineingeerbt hat. Ohne seine Freundin aber will Bill den sozialen Aufstieg von der Arbeiterklasse in Englands Aristokratie nicht. Da hat Sir John den rettenden Einfall: Ein Freund von ihm ist Sprachwissenschaftler und kann aus Sally eine feine Dame machen. „Das hat er schon mal mit einem Blumenmädchen gemacht“, sagt er. Zum Finale wird in Georg Köhls Inszenierung „Me and My Girl“ von Noel Gay nochmals ausgiebig „My Fair Lady“ zitiert, um das unvermeidliche Happy End dieser Aufsteiger- und Liebesgeschichte zu feiern. Der krönende Abschluss einer farbenfrohen wie munteren Premiere, die gespickt ist mit Anspielungen auf englische Befindlichkeiten, Gassenhauern und mitreißenden Tanzeinlagen. (…) Mit großer Lust nimmt Regisseur Georg Köhl die Gegensätze von Englands Gesellschaft aufs Korn. Da ist der alte englische Adel, ebenso steif in seiner Haltung wie hochnäsig, mit knochentrockenem Humor. „Liebe ist was für die Mittelklasse“, bescheidet die Herzogin von Dene (Johanna Lindinger) ihren Anverwandten. „Und was ist mit Prinz Charles und Camilla?“ – „Auch Mittelklasse, die ganze Familie.“ Auch das Oberhaupt der royalen Familie, die Queen, taugt vortrefflich dazu, sie in ihrer Vorliebe für bonbonfarbene Kostüme und kleine, lästige Hunde zu zitieren. Luis Lay legt seine Figur Bill als Sonnyboy mit Schnauze und Herz an. Mit Reim-Wortspielen und einer sehr direkten Art mischt er die feine Gesellschaft auf, in die er auch seine Freundin Sally (Gabriela Kuhn) mitnehmen will. Die bringt mit ihrem Pippi-Langstrumpf-Outfit erfrischende Farbe in die feine Gesellschaft. Dabei lässt Kuhn ihre Figur immer wieder zwischen kindlicher Naivität und höchst erwachsenem Durchblick schwanken. Im Gegensatz zu ihrem Freund Bill sieht sie, dass hier zwei Welten aufeinanderprallen, die nicht zusammen passen. Auch wenn auf das Publikum der „Lambeth Walk“, mit dem die Punks aus Bills Viertel den Empfang der Adelsfamilie sprengen, einen schwungvoll harmonischen Eindruck macht. „Da hätte ich fast mitgemacht“, sagt ein Zuschauer, der bei der Zugabe dann auch die schnellen Handbewegungen der Tänzer nachmacht. Das Sahnehäubchen der Inszenierung aber ist Isabelle Razawi als berechnende wie liebestolle Lady Jacqueline Carstone. Wie sie sich an den neuen, nun reichen, Cousin heranschmeißt, wie sie ihn umgarnt und versucht zu verführen: Das ist sexy und witzig zugleich. Dem Ensemble ist mit „Me and My Girl“ ein unterhaltsamer Abend gelungen, der für die ganze Familie geeignet ist und an grauen, kalten Wintertagen die Herzen wärmt und ein Lachen auf die Gesichter der Zuschauer zaubert.
[Rheinische Post Mönchengladbach, 22. November 2010]
„Me and my Girl“: Im Kabinett der Karikaturen
Die Geschichte (…) war vor 75 Jahren ein Riesenerfolg am Londoner West End, ist jedoch – im Gegensatz zum inhaltlich ähnlichen Dauerbrenner „My Fair Lady“ – weitgehend vergessen (...). An den Darstellern liegt das nicht. Luis Lay füllt seinen Bill mit viel Energie und einem Spieltrieb an der Grenze zur Albernheit. Mehr Konturen als dieser federleichte Luftikus gewinnt sein „Girl“ Sally: Mit Zöpfen, die sich gern ins Gesicht verirren, gelingt Gabriela Kuhn eine formidable Krefelder Premiere. Sie ist es auch, die mit der Ballade „Hast dein Herz verloren“ für den einzigen berührenden Moment des Abends sorgt. Der Rest des Ensembles hat sichtlich Freude daran, den verstockten Adel zu persiflieren, sei es Walter Planté als staubtrockener Jurist oder Franz-Jürgen Zigelski als Sir John, hinter dessen stocksteifer Fassade ein weiches Herz schlägt. Aus dem Kabinett der Karikaturen ragen zwei heraus: Johanna Lindinger, die mit Stil eine Art Krefelder Helen Mirren auf die Bühne zaubert. Und Susanne Seefing als lustvolle Lady, die sich fix Haar und Dekolleté zurechtzupft, um auf dem Mittelweg zwischen Flirt und Nötigung Bill für sich zu gewinnen. So versuchen alle nach Kräften, das Beste aus dem Stück herauszuholen: das Ensemble, die munteren „Swingfoniker“ unter Leitung von Kenneth Duryea, die sechs Tänzer, die mit Putzlappen und Regenschirmen für viel Wirbel sorgen (Choreografie: David Hartland), und die zehn Butler, die das bewegliche Bühnenbild von Peter Werner durch die Gegend schieben und beflissen Ordnung schaffen. Regisseur Georg Köhl hat gute Einfälle, die bis in winzige Details hinein viel Spaß machen.
[Westdeutsche Zeitung Krefeld, 17.10.2011]
Über Liebe und Mittelschicht
Das britsische Erfolgsmusical „Me and my Girl“ sorgt im Theater für quirlige Unterhaltung. Am Ende applaudierte das Premierenpublikum sehr angetan.
(…) „Me and my Girl“ (Uraufführung 1937) hat Georg Köhl auf die Krefelder Theaterbühne gestellt und macht den Konflikt zwischen Unter- und Oberschicht zu einer wirbeligen Geschichte mit skurrilen Typen. (…) Mit Gesang und Tanz schreitet die Handlung fort, der Chor kommt in etlichen Kostümen beweglich zum Einsatz, drei Tanzpaare entwickeln das Musical-Feeling und zehn Statisten sind Butler. Komödiantisch ist Peter Lüthke, ein Sir im Rollstuhl mit Trompete, und Walter Planté mit Aktenmappe als Rechtsanwalt Parchester ist durchweg eine sehenswerte Figur. Sir John (Franz-Jürgen Zigelski), Schottenrockträger und seit 31 Jahren in Maria verliebt, renkt die Geschichte wieder ein. „Noblesse olige“ gilt für Bill (Luis Lay) im roten Hermelin-Umhang, er singt noch sehnsuchtsvoll unter der Laterne in Lambeth, begegnet seinen Ahnen und macht im Frack eine gute Figur. (…)Gabriela Kuhn als Sally ist etwas kindlich bekleidet und bezopft, aber sie kann die Stimmlage zwischen Musical und Oper angemessen wechseln. Als ihr Partner gefällt Luis Lay besonders in tänzerischen Momenten. (…) Man hat mitgelitten und sich erfreut, so verpackt muss Liebe werden, damit sie wenigstens zum Bühnen-Amüsement wird.
[Rheinische Post Krefeld, 17.10.2011]