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Theater Krefeld/Möchengladbach

Der Ring an 1 Abend

Köstliche Instant-Nibelungen

Wagners „Ring“-Tetralogie hat Loriot auf einen Abend komprimiert. Der Schnelldurchlauf durch den „Ring des Nibelungen“ begeisterte bei der Premiere im Theater: Witz und Virtuosität, große Stimmen, ein tolles Orchester und ein Erzähler mit dem richtigen Tonfall bestimmen den Abend.
(…) Schon zur Pause riefen die Ersten „Bravo“ - und so lange wie diesmal applaudiert das Opernpublikum selten. Loriot selbst hat die Fassung in Krefeld - und zuvor auf der kleinen Bühne im Mönchengladbacher Ausweichtheater im Nordpark - nicht gesehen. Vermutlich hätte sie ihn begeistert. Denn sie trifft genau seinen Ton. Auf einem Biedermeiersofa neben einer Wagnerbüste sitzt Jens Pesel als Erzähler des gewaltigsten Dramas der Musikgeschichte. Von Bülow höchstpersönlich hat ihm als Erstem die Erlaubnis für den Abend erteilt. Mit darstellerischem Understatement und zielgerichtetem Humor trägt der ehemalige Generalintendant Loriots Text vor, der in jene Zeit führt „in der es noch möglich war, im Rhein zu baden“. Getragen von „136 Takten in Es-Dur“ versinkt das Publikum „über den Grund des Flusses an den Ursprung der Welt“. Generalmusikdirektor Graham Jackson gibt den Niederrheinischen Sinfonikern die Order zur vollen Fahrt. Und so wiegen sich die Celli im sanften Schwappen des Rheinwassers. Die Bläser kündigen verhalten grollend Unheil an, die Harfen verströmen Rheinromantik - um sich zu gewaltig ausufernden Schicksalsthemen zu steigern. Jede Wagner’sche Farbe lässt das Orchester schillern. Dass die Musiker an dieser Wagner’schen Hitparade ihre Freude haben, ist unüberhörbar. Allein die Hörner beweisen, welches Format im Theater-Orchester steckt. Die Sänger leisten Erstaunliches. Hier, wo sie noch nicht die Kraft für eine abendfüllende Wagnerpartie brauchen, können sie glänzen. Dara Hobbs als Brünnhilde und Michael Kupfer (Wotan und Gunther) - die Powerstimmen des Musikensembles - holen die Anmutung des Grünen Hügels auf die schwarz ausgekleidete Krefelder Bühne. Erin Caves als Gast ist ein strahlender Siegmund und ein glanzvoller Siegfried. (…) So beweglich wie er sich im Liebesduett mit Sieglinde (sehr elegant und voll lodernder Dramatik: Janet Bartolova) zeigt, entlockt er zu Recht dem Premierenpublikum „Bravo“-Rufe. Matthias Wippich ist in Bestform, er gibt einen imposanten Hagen, und Kerstin Brix ist makellos als Fricka und Waltraute. Der Alberich, von dem Loriot sagt: „Seine geistige Entwicklung hat mit dem Kapitalzuwachs nicht Schritt gehalten. Ein Symptom, das ihn eng mit uns verbindet“, stattet Hayk Dčinyan mit satter Basslage aus. Die Rheintöchter (Debra Hays, Isabelle Razawi und Eva Maria Günschmann) lassen den Zwerg Alberich kunstvoll abblitzen - und lösen mit glitzernder Dreistimmigkeit die Tragödie um den Ring aus, der Götter, Riesen und Menschen ins Verderben stürzt. Walter Planté darf als Loge und Mime komödiantisch auftrumpfen. Um es Loriot zu sagen: „Man ist begeistert.“ Fazit: Ein Abend, der jeden zum Wagnerfan macht.

[Rheinische Post Krefeld, 17.01.2011]

Monumentales für jedermann

„Der Ring an 1 Abend“ von Loriot – nicht nur Jens Pesel begeistert das Publikum im Theater
(…) In die Loriot-Rolle des Sprechers ist der ehemalige Generalintendant Jens Pesel geschlüpft, zu Beginn nimmt er auf dem berühmten Sofa Platz. Ohne den Grandseigneur des Humors zu imitieren, aber mit ähnlich trockenem Understatement trägt Pesel die mit Pointen gespickten Texte vor. Fast jeder Satz wäre zitatwürdig, da Loriot die verworrene Geschichte um Götter, Helden und Bösewichter auf ein allgemein menschliches Niveau herunterholt. Dabei gleitet er nie in die Persiflage ab, sondern bewahrt einen zwar sehr ironischen, aber dennoch noblen Ton. So heißt es zu Beginn, dass die Täter des Musikdramas doch eigentlich ganz nette Leute seien, denen nur ihr Gewinnstreben zum Verhängnis werde. Loriots Texte sind die spritzige Zutat zum Hauptgericht des Abends, der Musik Wagners. Die Niederrheinischen Sinfoniker spielen unter ihrem Generalmusikdirektor Graham Jackson mit großer Intensität. Berühmte Passagen wie den Feuerzauber oder den Trauermarsch interpretieren sie eindrucksvoll. Die Sänger und Sängerinnen treten in Frack und schwarzen Abendkleidern auf. Was die elf Solisten leisten, ist einfach grandios. Allen voran Erin Caves, der als Gast die Partien von Siegmund und Siegfried mit glanzvoller Stimme scheinbar mühelos bewältigt. Dara Hobbs ist ihm als Brünnhilde eine ebenbürtige Partnerin, ihre Todverkündung in der „Walküre“ gehört zu den ergreifendsten Szenen des Abends. Michael Kupfer beeindruckt mit seinem wunderbaren Timbre als Wotan besonders in der Abschiedsszene. Kerstin Brix verleiht den so unterschiedlichen Rollen der Fricka und Waltraute ein intensives Profil. Ebenso Janet Bartolova als Sieglinde und Gutrune. Als stimmgewaltige Bösewichter beeindrucken Hayk Dčinyan (Alberich), Matthias Wippich (Hagen) und Walter Planté, der als Mime eine herrliche Charakterdarstellung zeigt. Debra Hays, Isabelle Razawi und Eva Maria Günschmann sind drei klangschöne Rheintöchter. Über diese formuliert Loriot: Wären sie zu Alberich etwas entgegenkommender gewesen, hätte man sich drei weitere aufwendige Opern sparen können. Dann würde es allerdings auch nicht diesen wundervollen Abend geben.

[Westdeutsche Zeitung Krefeld, 16. Januar 2011]

Trotz der Kürze - Nibelungen mit Würze

In einer imposanten Aufführung ist Loriots „Drei-Stunden-Ring" im TiN zu sehen.

Es fällt nicht leicht, das „gewaltigste Drama der Musikgeschichte" so zu komprimieren, dass es verständlich und unterhaltsam bleibt. Vicco von Bülow alias Loriot, der Feingeist unter den deutschen Humoristen, gelang dies vor 18 Jahren mit einer eigenen Version von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen". Auf eine Länge von etwas mehr als drei Stunden wurde das unübersichtlichste und berüchtigtste Werk der Opernliteratur gekürzt und mit Bemerkungen in Loriot-Manier ergänzt.

Im Theater im Nordpark (TiN) feierte am Samstag dieser als eigenständige Produktion entworfene „Ring an l Abend" eine beeindruckende Premiere.
Vor allem das zehnköpfige Gesangsensemble glänzte mit stimmlicher Kompetenz, klarer Artikulation und darstellerischer Intensität. Tenor Timothy Simpson gestaltete zunächst den Siegmund und später den „Naturburschen" Siegfried emotional-kraftvoll. Michael Kupfer verleiht dem Vatergott Wotan mit dunklem Timbre das ambivalente Flair eines gebrochenen Allmächtigen und Hayk Deinyan charakterisiert einen impulsiven wie frustrierten Alberich. Brillant sind die kurzen Auftritte von Sopranistin Dara Hobbs. Allein schon ihre Ausstrahlung und Statur verleiht der Brünnhilde eine enorme Ausdruckskraft und wird nur durch ihre melodiöse wie voluminöse Stimme übertroffen.

Zu diesem Karussell der Stimmen und Personen schafft es das Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Graham Jackson als immer wieder einspringender Motor, die Brüche mit instrumentalem Glanz zu füllen und Wagners schwülstige Schwere dezent-warme Farben zu hüllen. Dazu spielt Intendant Jens Pesel vom Biedermeiersofa aus am rechten Bühnenrand den humorvollen Part. Im ruhigen Tonfall gibt er die sinnreichen und komischen Bemerkungen, die beim Publikum für Lacher sorgen.

Fazit: Der Gladbacher „Ring an l Abend" ist eine reizvolle Rarität im Spielplan, die Wagner-Freunden und -Gegnern ein kurzweiliges Vergnügen beschert.

(Westdeutsche Zeitung, 21. Juni 2010)

Wagners „Ring“ im Zeitraffer

Das Premierenpublikum war heilfroh, dass es in drei Stunden und 15 Minuten für wenig Geld Wagners Opus magnum im Zeitraffer hatte erleben dürfen. Im Prinzip vollständig, wiewohl in klug dosierter Auswahl. Jedenfalls spendierten die Gäste viel Beifall, der kurz sogar in Ovationen gipfelte. Ihr Dank galt vor allem dem Hauptdarsteller dieser konzertanten Opernpremiere: Die Niederrheinischen Sinfoniker besetzten fast die komplette Bühne und brachten Wagners Leitmotive meisterlich zum Erglühen, Funkeln, Grummeln und Tosen. Geeneralmusikdirektor Graham Jackson verstand seine Aufgabe als sorgsamer Sachwalter des Ausdrucks, angefangen vom raunenden Es-Dur-Weben des Rheingold-Vorspiels bis zum blumigen Hoffnungssang nach dem lohenden Götterdebakel. Bemerkenswert, dass das Theater alle Solistenpartien aus eigenem Bestand besetzen konnten. Großen Eindruck hinterließen Dara Hobbs als in sich ruhende Brünnhilde, Michael Kupfers beweglicher Wotan und Kerstin Brix als solide Sieglinde.

(Rheinische Post, 21. Juni 2010)

Wagners Ring herrlich verulkt

Loriots launiger Text zeit, dass Götter auch nur Menschen sind, die ein Faible für Fettnäpfchen und grenzwertiges Verhalten haben. Pesel liest sehr fein, mit maliziösem Witz; Pointen tapeziert er nicht lautsprecherhaft in imaginären Litfasssäulen. Natürlich schmerzt es, dass Wagners unendliches „Ring“-Lied auf ein Schönste-Stellen-Format gekürzt wird. Trotzdem stellt sich die Wirkung der Droge Wagner ohne Verzögerung ein. Es gibt ja auch wundervolle Momente, etwa wenn die junge Dara Hobbs als Brünnhilde singt; dieser Abend ist fast ihre Empfehlungsadresse zum Grünen Hügel. Auch Michael Kupfers Wotan hat Format. Graham Jackson dirigiert die aufopferungsvollen und gelegentlich festspielwürdigen Niederrheinischen Sinfoniker (Hörner!) mit der Liebe des Kenners, der auch in Loriots mythologischem Legoland umsichtig unterwegs ist. Es darf also gelacht werden. Wer übrigens ansatzweise weiß, worum es im „Ring“ geht, ist bei der Enttarnung mancher Pointe im Vorteil.

(Rheinische Post überregional, 21. Juni 2010)


Aus der Not eine Tugend zu machen, ist eines der wesentlichen Markenzeichen der Theaterunion Krefeld-Mönchengladbach. Und so ließ sich der scheidende Intendant Jens Pesel denn auch (mal wieder) nicht unterkriegen, als ein „Rheingold“-Projekt als strahlender Schlusspunkt seiner Amtszeit gekippt wurde. Stattdessen setzte die Intendanz Loriots 1992 in Mannheim aus der Taufe gehobenen „Ring an 1 Abend“ auf den Spielplan, um der aktuellen Situation am Niederrhein vornehme Paroli zu bieten und mit hochgezogener Augenbraue den Spiegel vorzuhalten über die Macht des Goldes, über Vertragsbrüche und politischen Verrat.

(…)

Inspiriert vom großen Loriot, aber dennoch eigenständig interpretierend gestaltet Jens Pesel diesen Part, sitzt im Smoking auf dem legendären Sofa neben Wagnerbüste und Teetasse. Die Artikulation der unvergleichlichen Formulierungen gestaltet er in ruhig schlichtem Stil und fein artikuliertem Spott. So geben sich wissende Ernsthaftigkeit und entlarvender Witz die Hand (…). Neben der Eleganz des Wortes überzeugt auch die musikalische Präsentation: Die Niederrheinischen Sinfoniker schultern die dumpfe Akustik des Mönchengladbacher Ausweichquartiers im Theater im Nordpark mit technisch sauberer Spielweise. Graham Jackson lässt klar und spritzig musizieren, verliert sich nicht in analytischer Weihe und bevorzugt homogene, organisch fließende Tempi, die Spaß an Wucht und Kraft in gleicher Weise haben wie an blühendem Melodienreichtum und romanischen Kantilenen. Auf der Besetzungsliste der Solisten findet sich fast ausschließlich das vielseitige hauseigene Ensemble. Michael Kupfer, jugendlicher Kavaliersbariton, nutzt beeindruckend die Chance, einen vitalen, schlank gestalteten Wotan und Gunther zu konzipieren und legt sein attraktives Timbre ohne jeden Druck und Verfärbung über die Klangwogen. Als Brünnhilde zeigt Dara Hobbs funkelnd leuchtende Stimmqualitäten, wobei die Schönheit ihrer sinnlich strömenden Mittellage in der Todesverkündigung den respektablen Kraftakt im hochdramatischen Schlussgesang noch übertrumpft. Die vielschichtige Flexibilität, mit der Kerstin Brix sowohl Fricka und Sieglinde als auch Waltraute und Gutrune analysiert, lässt angenehm berührt aufhorchen. Sowohl Stimmgröße wie Farbe, Kondition und Leuchtkraft entsprechen sicher und beglückend den Anforderungen dieser unterschiedlichen Wagnerpartien. Auch Walter Planté, der Loge und Mime scharf artikulierend, darstellerisch pointiert und ungemein textverständlich charakterisiert, empfiehlt sich als klassischer Wagnersänger. Das Material von Matthias Wippich ist groß und schwarz und passt hervorragend zum düsteren Hagen (…). Die stark gekürzte Albrich-Partie wir von Hayk Dčinyan souverän absolviert, die drei Rheintöchter von Debra Hays, Isabelle Razawi und Uta Christina Georg überzeugen in ausgewogenem Gesamtklang. (…)

(Opernglas 09/2010)

Pesel trifft Loriot

(…) Auf dem altbekannten Biedermeier-Sofa nahm aber natürlich nicht der TV-bekannte Humorist selber Platz, sondern ein guter Bekannter der Krefelder Theatergänger: Ex-Intendant Jens Pesel. Mit feiner Nuancierung trug er zwischen den einzelnen Musikstücken die Texte des Meisters vor. Diese überzeugten über die ironischen Seitenhiebe hinaus durch einen schwingenden Sprachduktus, der an den Ausdruckszauber Thomas Manns erinnern ließ. Läppische 12 Stunden habe der Erzähler aus dem Gesamtwerk der vier Opern herausgekürzt, erwähnte Loriot/Pesel lakonisch. Im Ergebnis eröffnete sich dem Publikum ein dreistündiger Reigen der schönsten Arien und Musikstücke des „Ring“, die die Niederrheinischen Sinfoniker unter Leitung von Graham Jackson wunderbar zu intonieren verstanden. Da tat die Regie recht daran, das Orchester in ausgreifender Breite auf der Bühne zu platzieren, statt es im Orchestergraben zu verstecken. Schließlich spielte es in dieser Art der Aufführung die eigentliche Hauptrolle. (…) Das Krefelder Publikum hatte seinen Spaß und geizte nicht mit Applaus.

[Extra Tipp Krefeld, 16.01.2011]