In diesem Ballettabend vereint Robert North vier stilistisch und inhaltlich sehr unterschiedliche Choreografen, die aber durch eine Komponente – nämlich den Rhythmus der jeweiligen Musik – miteinander verknüpft sind.
Die erste Choreografie Lonely town, lonely street zeigt eine Szenenfolge mit alltäglichen Episoden und Momenten im Zusammenleben von Menschen, wobei natürlich auch Liebesbeziehungen nicht fehlen. Die Jazz- und Soul-Musik von Bill Withers findet ihre Entsprechung in einem modernen Tanzstil mit Jazzelementen.
Der Mittelteil kombiniert in reizvollem Kontrast Antike und klassische Moderne miteinander: Sowohl die mythische Figur des Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt und von Zeus dafür bestraft wird, als auch das von dem römischen Dichter Vergil kreierte poetische Traumland Arkadien, in dem sich die Sehnsucht nach einer friedvollen, heiteren Welt widerspiegelt, sind auch heute noch assoziationsreiche
Metaphern. Im klassischen Stil getanzt, wirkt diese Anmutung aus der Antike durch
die Musik von Kodály und Strawinsky jedoch gegenwärtig und lebendig.
Den Abschluss bildet Robert Norths weltberühmte Choreografe Troy Game zu traditioneller brasilianischer Batucada-, Samba- und Percussion-Musik, verwoben mit Bob Downes’ Komposition Shadowboxing. In dieser augenzwinkernd humorvollen Studie über vitales Kräftemessen, Rivalitäten, Sport und Spiele demonstrieren junge Männer kämpferisch ihre Überlegenheit und versuchen, sich gegenseitig auszustechen. Inspiriert ist diese Choreografe einerseits von den so genannten phyrrischen Tänzen, die zur Ertüchtigung von Kriegern dienten und Bestandteil der Soldatenausbildung im antiken Griechenland waren, und andererseits von verschiedenen asiatischen Kampfsportarten.
Vorstellungsdauer: ca. 2 Std. 10 Min. (inkl. 2 Pausen)
Pressestimmen
Grazien ganz in Weiß
Mit dem Ballettabend „Kontraste & Rhythmen“ zeigt Robert North die Vielfalt und die Gegensätze seiner choreografischen Arbeit.
Im Ballett stehen meist die Frauen im Mittelpunkt des Interesses. Anders in Robert North’ neuem Stück „Kontraste & Rhythmen“, wo bei der Premiere vor allem die Männer bejubelt wurden. „Troy Game“, das letzte Stück des vierteiligen Abends, erweist sich auch fast 30 Jahre nach seiner Uraufführung als Knaller.
Acht Tänzer in an Ringkämpfer erinnernden Kostümen zeigen, was durchtrainierte Kerls so drauf haben. Da gibt es Turnübungen, verschiedene asiatische Kampfsportarten und jede Menge Imponiergehabe. Das Ganze wird von den hämmernden Rhythmen brasilianischer Batucada-Musik untermalt. Atemlos verfolgt man als Zuschauer die rasante, extrem anspruchsvolle Choreografie, die zugleich wunderbar humorvoll ist. Genüsslich werden Rivalitäten ausgespielt, und am Ende wirbelt einer allein die Ordnung der anderen gehörig durcheinander. Dass mit Paolo Franco ausgerechnet der kleinste und zierlichste Tänzer diese Rolle übernimmt, ist besonders witzig. (…)
Den Auftakt bildet „Lonely Town, Lonely Street“, das sich aus Songs von Bill Withers und einem jazzigen Tanzstil zusammensetzt. In einer an „West Side Story“ erinnernden Atmosphäre erzählen fünf Paare alltägliche Geschichten von Einsamkeit, Liebe und Trennung. (…) Mit vier Protagonisten und einer riesigen Leiter als Requisit erzählt North „Prometheus“ als dichtes Kammerspiel in klarer Tanzsprache. (…) Leicht und anmutig, wie es der Titel verspricht, geht es in „Arkadien“ zu. Wie einem griechischen Fries entsprungen, erwachen fünf weiß gekleidete Tänzerinnen aus erstarrter Pose zum Leben. In verschiedenen Konstellationen erinnern sie an Musen, Grazien oder Furien.
Dem Vergleich mit dem furiosen Auftritt der Männer können diese wunderschönen Bilder nicht ganz standhalten. Insgesamt jedoch ein gelungener Abend, vom Publikum entsprechend gefeiert.
[Westdeutsche Zeitung, 15.10.2012]
Sternstunde des Männerballetts
Zwei Uraufführungen und zwei ältere Erfolgs-Choreografien hat Robert North zu einem stimmigen Ballettabend zusammengeführt. Die Compagnie beweist zu Klassik, Jazz und brasilianischen Rhythmen große Klasse.
(…) Bei diesem vierteiligen Ballettabend von North war „Troy Game“ großartiges Finale und amüsanter, bejubelter Höhepunkt zugleich. (…) Der Abend wird aber vor allem vom verbindenden Ur-Faden des Balletts gehalten: dem Annäherungs-, Abstoßungs- und Umgarnungsspiel der Geschlechter – und der Vielseitigkeit der Compagnie, die jeden Stil beherrscht.
Es beginnt alles in irgendeinem Großstadt-Hinterhof: Feuerleitern und umgekippte Mülleimer wecken Erinnerungen an „West Side Story“ und James-Dean-Filme. Wie solche Gangs treten in „Lonely Town, Lonely Street“ die Tänzer und Tänzerinnen jeweils in Formationen an, die rivalisieren, sich umgarnen, austoben. Ihre Wut auf die Welt hat ebenso viel Kraft und Anmut wie jeder Flirt. In Jeans, Lederjacke und Hotpants und zur Musik von Bill Withers tanzt das Ensemble jazzig-weiche Figuren, die in ununterbrochener Bewegung bleiben. Vor allem Emmerich Schmollgruber und Alessandro Borghesani setzen solistische Glanzlichter.
Als zweites Stück hat North „Prometheus“ zur Musik von Zoltán Kodály in Szene gesetzt. (…) Starke Bilder bleiben im Kopf, vor allem die Anspielung auf da Vincis vetruvianischen Menschen. (…)
Auch „Arkadien“ ist eine schön anzusehende Elegie für fünf Tänzerinnen (Karine Andrei-Sutter, Alicia Fossati, Victoria Hay, Camilla Matteucci und Elisa Rossignoli). Anmutig und mit virtuosen Sprüngen, denen niemals anzusehen ist, wie viel Kraft sie kosten, ziehen die Tänzerinnen verschiedene Register von Weiblichkeit, sind mal elfengleiche Wesen, mal launische Temperamentsbündel, Grazien und Furien – zur Musik von Strawinsky. Diese leise Leichtigkeit gerät in den Schatten mit dem knalligen „Troy Game“. In den Gladiator-ähnlichen Kostümen von Peter Farmer geben Schmollgruber, Borghesani, Kondo, Abine Leao Ka, Raphael Peter, Fabio Toraldo und Jorge Yen die Machos. (...) Sie brüllen testosterongeladene Urlaute, bauen Menschenpyramiden, die einstürzen, kokettieren mit Selbstbewusstsein, das mit der nächsten Drehung einbricht, tollen wie Welpen. Vor allem Paolo Franco, körperlich der Kleinste, hat den Schalk in jeder Bewegung und wird bejubelt. Zu den peitschenden Rhythmen brasilianischer Batucada-Musik blitzen Bewegungen asiatischer Kampfkunst und des Capoeira auf. Und alles bricht sich mit Slapstick-artiger Lässigkeit: Machos zum Mögen.
[Rheinische Post, 15.10.2012]