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Aus der Zeit fallen

Aus der Zeit fallen

David Grossman {*1954}, dramatisiert von Orit Gal und Dedi Baron | unter Verwendung der Übersetzung von Anne Birkenhauer übertragen von Gundula Schiffer
Inszenierung Dedi Baron, Bühne Gabriele Trinczek, Kostüme Kirsten Dephoff, Dramaturgie Martin Vöhringer

Nach „dort“ kann man nicht gehen, sagt die Frau. Aber der Mann will nach „dort“, zu seinem toten Sohn. Nach fünf Jahren des Schweigens hält er es nicht mehr aus, er muss nach dort, an die Grenze. Er verlässt das Haus und zieht in Kreisen um die Stadt. Andere Menschen, die auch ein Kind verloren haben, schließen sich ihm an. Sie sind auf der Suche nach dem verlorenen Leben, wie auch der Schreiber, der ihr Schicksal teilt. Es fehlen ihm die Worte, aber ins Leben, so spürt er, kann er doch nur zurückfinden, wenn er die Worte wiederfindet, die Worte für das Unsagbare, was ihm passiert ist.

Aus der Zeit fallen ist ein bewegender Text und das persönlichste Buch des israelischen Schriftstellers David Grossman. Er schrieb es einige Jahre nach dem Tod seines Sohnes im Libanonkrieg 2006. Es ist Totenklage und Hymnus auf das Leben zugleich.

Dedi Baron gehört zu den herausragenden Theaterregisseurinnen Israels. Seit Ende der 1990er Jahre inszeniert sie regelmäßig am Nationaltheater Habimah, am Cameri und am Beit Lessin Theater in Tel Aviv.
Stipendien der britischen Botschaft und des Goethe-Instituts führten sie nach London und Berlin. Seit 2006 ist sie Professorin für Regie an der Fakultät für Theater der Universität Tel Aviv. In Deutschland hat sie unter anderem für das Theater Kiel, die Schaubühne Berlin und das Düsseldorfer Schauspielhaus gearbeitet. Aus der Zeit fallen ist ihre erste Inszenierung für das Theater.

Besetzung

In einzelnen Vorstellung kann die Besetzung varieren

  • Pressestimmen

    Der Schmerz der Hinterbliebenen
    Ein Abend, der unter die Haut geht: „Aus der Zeit fallen“ von David Grossman handelt von Menschen, die ihr Kind verloren haben. Der Autor saß bei der Premiere im Publikum. Die Zuschauer waren ergriffen.

    Diese anderthalb Stunden muss man aushalten können. Eva Spott, Vera Maria Schmidt, Bruno Winzen, Felix Banholzer und Joachim Henschke werfen sich mit solcher Wucht in das Leid ihrer Figuren, dass sich niemand entziehen kann. Die Bühne von Gabriele Trinczek und die zeitlosen Kostüme von Kirsten Dephoff vermitteln Vertrautheit. […]
    Dedi Baron, die israelische Regisseurin, die den Text ihres Landsmannes Grossman gemeinsam mit Orit Gal Lichtenstadt dramatisiert hat, lässt den Sätzen Raum, damit sie hallen können. […]
    Zugleich inszeniert Baron extrem körperbetont. Manche Szenen erreichen die Eindringlichkeit eines Tanztheaters. Der Applaus ist ruhig, aber dauert minutenlang.

    [RHEINISCHE POST, 26. Mai 2018]

    Der Wunsch nach einer unmöglichen Begegnung

    Das Schauspiel „Aus der Zeit fallen“ nach dem Roman von David Grossmann hatte im Theater Premiere. Ein Stück, das zutiefst berührt.

    Inmitten des Studios des Theaters steht ein großer, massiver Holztisch. Die Frau (Eva Spott) schneidet einen riesigen Kürbis, der Mann (Bruno Winzen) hält seinen Kopf unter den Tisch. Der Mann möchte fortgehen, nach „dort“. Wohin, fragt die Frau. Zu ihm, sagt der Mann. Zu ihm – das ist ihr toter Sohn. Parallel erlebt das Publikum die Geschichte um den Schuster (Felix Banholzer) und die Hebamme (Vera Maria Schmidt), auch sie haben vor fünf Jahren ihr Kind verloren, ein Mädchen. Auch der Zentaur (Joachim Henschke) sitzt an dem großen Tisch, ihn hat das gleiche grausame Schicksal getroffen.

    Obwohl die Frau ihn bittet, nicht zu gehen, macht sich der Mann auf. Minutenlang läuft er im Kreis, die Puste bleibt ihm weg. Mit der Zeit beginnt er zu verstehen, dass sein Sohn tot ist. Er kann es laut aussprechen, es begreifen.

    Mit einem starken Ausdruckstanz vermitteln die Hebamme und der Schuster ihre Gefühle auf der Bühne. Kraftvoll lassen sie sich immer wieder ineinander fallen, über den Tisch hinüber, oder unter dem Tisch verbunden. Verzweiflung, Schmerz, aber auch die enge Zusammengehörigkeit der beiden wird deutlich.

    Zum Ende des Stückes scheint sich bei allen fünf Personen eine gewisse Akzeptanz des Schrecklichen einzustellen. Das Innerste kehrt wieder zurück, sagt die Frau.

    Das Stück bringt eine eindringliche Intensität mit sich, das Atmen fällt dem Zuschauer schwer. Mit unglaublich vielen Emotionen und Echtheit vermitteln die Schauspieler den unendlichen Schmerz, und holen das Publikum so ab.

    [RHEINISCHE POST, 7. Februar 2018]