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Schwester von

Schwester von

Lot Vekemans {*1965}, Deutsch von Eva Maria Pieper
Inszenierung Sascha Mey, Bühne und Kostüme Udo Hesse, Musik Patrick Richardt, Dramaturgie Martin Vöhringer

Wie fühlt es sich an, immer nur die ‚Schwester von’ zu sein? Immer im Schatten zu stehen, stets übersehen, und schließlich ganz vergessen?
Am Beispiel von Ismene, der Schwester von Antigone, spielt der Monolog der niederländischen Schriftstellerin Lot Vekemans ein solches Schattendasein auf berührende Weise und mit trockenem Humor durch. Denn ihren Humor hat Ismene in all den Jahren in der Abstellkammer der Geschichte nicht verloren, als sie nach 3000 Jahren zum ersten Mal wieder ins Licht tritt… Nach einer Schrecksekunde ergreift sie die Gelegenheit und erzählt, wie es war, als Tochter des Ödipus und Schwester von Polyneikes, Eteokles und Antigone. „Meine ganze Familie / Ein Haufen Verückter / Vater stach sich eigenhändig die Augen aus / Mutter  hängte sich höchstpersönlich an einem Strick auf / Und meine Brüder durchbohrten einander das Herz für diesen bescheuerten Thron / Irre, alle.“

Ein Stück über die Schwierigkeit, normal zu sein in einer Welt, in der alle nur Augen für das Besondere haben. Ein Stück, gewidmet allen Zaghaften und Zweiflern, allen Zaudernden und Schwankenden. 

Lot Vekemans wurde im niederländischen Oss geboren. Seit 1995 schreibt sie Stücke für das Kinder- und das Erwachsenentheater, darunter Truck Stop (2002), Zus van (Schwester von, 2005), Judas (2007), Gif (Gift. Eine Ehegeschichte, 2009) und Vals (Falsch, 2013). Im Jahr 2012 veröffentlichte Vekemans ihren ersten Roman, der 2016 unter dem Titel Ein Brautkleid aus Warschau auch auf Deutsch erschien.

Besetzung

In einzelnen Vorstellung kann die Besetzung varieren

  • Pressestimmen

    Ismenes verzweifeltes Streben nach Normalität

    Esther Keil spielt Antigones in der mythologischen Überlieferung vernachlässigte Schwester Ismene in dem Monodrama „Schwester von“. Der Darstellerin gelingen 80 spannende Spielminuten in der Fabrik Heeder.

    Ein hochspannendes Theaterprojekt hat die niederländische Autorin Lot Vekemans mit dem 2005 in Haarlem uraufgeführten Bühnenmonolog „Schwester von“ geschaffen. Damals dürfte ihr die bleibende Brisanz ihres Ansatzes, die heute – im Zeitalter von Fake News und einem sich verflüchtigenden Wahrheitsbegriff – gilt, noch nicht bewusst gewesen sein.

    Vekemans gibt der in Sophokles‘ Tragödie „Antigone“ zur Randfigur degradierten Schwester der opferbereiten, mutigen Heldin, die ihren Bruder gegen das Verbot des Königs bestattet, gebührenden Raum. Nach 3000 Jahren. Ein Monodrama als Medium für das Ringen um Erkenntnis und Wahrheit.

    Esther Keil steht, sitzt, schreitet, flüstert, lacht, trauert und agitiert 80 Minuten auf einer von Udo Hesse eingerichteten Minimalbühne in der Fabrik Heeder. Sie verleiht der von der Geschichte vernachlässigten Schwester Antigones eine Stimme, die behutsam, aber selbstbewusst den Anspruch, „normal“ zu sein in einer „Familie aus lauter Verrückten“, formuliert. Ein rechteckiger Stangenverhau, den weißes Nesseltuch umspannt, ist fast alles, was den Blick auf sich zieht. An diesem trostlosen Ort, an dem eine Verbannte in totaler Isolation die Jahrhunderte überdauerte, redet sich Ismene ihr Anliegen von der Seele. Wobei akustisch simulierte Stechfliegen-Attacken und das Heulen von Hunden ihre einzigen Sinnesreize darstellen.

    Keils Ismene fragt nach dem Wahnsinn des Strebens nach Macht („Wieso mussten meine Brüder sich im Kampf um die Königskrone gegenseitig töten?“), sie entlarvt die menschenfresserische Ideologie, die fast ihre gesamte Familie ins Verderben führte. Doch Keil verzichtet auf Pathos, auf laute, hochtrabende Artikulation. Diese Künstlerin zeichnet der Mut aus, dass sie die Zuschauer mit stillem Spiel und statuarischem Auftreten konfrontiert – und gerade so überzeugt. Gebannt hängen wir an den Lippen dieser zierlichen Schauspielerin im schlichten grauen Rock und schwarzen Pulli. Sie pflegt eine bedächtige Redeweise, immer wieder durch Denkpausen unterbrochen. Mal betrübt, mal verzweifelt, traurig, zornig, auch ironisch oder sardonisch lachend. Um anzukommen, braucht diese großartige Schauspielerin nicht den aufgesetzten Aplomb, nicht die schneidende Diktion einer Rampendiva, sie überzeugt gerade durch eine Verhaltenheit, die den Zuschauer gefangen nimmt, indem sie ihn zum Zuhören zwingt. Regisseur Sascha Mey hat Keils vielfältige Kapazitäten klug und ideenreich disponiert. Ganz ohne Atmosphärisches gelingt es freilich nicht, die Spannung weit über eine Stunde zu halten. So erweisen sich die punktuell kommentierenden oder begleitenden musikalischen Einspielungen von Patrick Richardt als willkommene Abwechslung, die nie zur Ablenkung werden.

    [RHEINISCHE POST, 1. Oktober 2018]

     

    „Ich hasse sie, jetzt ist es raus“

    Das Stück „Schwester von“ feierte Premiere auf der Studiobühne des Theaters. Vor ausverkauftem Haus spielte Esther Keil die Ismene im Stück von Lot Vekemans. Inszeniert wurde es von Sascha Mey.

    Einen Tag nach der „Antigone“-Premiere wurde „Schwester von“ erstmals im Studio gezeigt. In ihrem 80-minütigen Monolog nimmt Esther Keil die Zuschauer mit auf eine Reise in die Gedanken der Ismene, Schwester von Antigone, Eteokles und Polyneikes sowie Schwester und Tochter von Ödipus. Man durchlebt mit ihr ein Wechselbad der Gefühle – von liebevollen, frivolen, glücklichen Erinnerungen bis hin zu Trauer, Wut, Hass und Verzweiflung. All diese Gefühle bringt Esther Keil als alleinige Akteurin auf der Bühne perfekt rüber.

     

    Sie nimmt das Publikum mit durch die Höhen und Tiefen der Ismene, großartig dargestellt bis hin zum vor Trauer vibrierenden Kinn und den vor Zorn lodernden Augen. […]

    Das Bühnenbild, ein Nicht-Raum am Ende einer Straße, die ins Nichts führt, hat Udo Hesse geschaffen. Das durchaus minimalistische Bühnenbild lässt genügend Raum für die schauspielerische Leistung der Esther Keil, welche unterstützt durch die Musik von Patrick Richard und akustischen Einspielungen eine komplexe Umgebung in den Köpfen der Zuschauer entstehen lässt. […]

    80 Minuten Monolog und nicht einen Moment Langeweile, ein Wechselbad der Gefühle und eine Darstellerin, die dieser großen Aufgabe gewachsen ist.

    [RHEINISCHE POST, 28. November 2017]