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Tartuffe

Tartuffe

von Molière
Inszenierung Dedi Baron, Bühne und Kostüme Kirsten Dephoff, Musik Bojan Vuletić, Dramaturgie Martin Vöhringer

Gerade uraufgeführt, ist Molières Komödie Tartuffe 1664 schon verboten worden, wegen Gotteslästerlichkeit. Zu genau wohl hatte die Satire über fromme Heuchler ins Schwarze getroffen.

Es hat aber auch etwas Blasphemisches, wie Tartuffe, dieser falsche Heilige, vom Hausherrn Orgon in dessen Familie eingeführt wird – wie der Messias höchstpersönlich nämlich. Für alle andern liegt offen zu Tage, dass Tartuffe Wasser predigt und Wein trinkt – aber Orgon lässt sich in seiner inbrünstigen Verehrung nicht stören. Selbst die Hand seiner Tochter verspricht er Tartuffe, und schließlich vermacht er dem verführerischen Visionär sein komplettes Vermögen.

Was für eine Leere füllt dieser Tartuffe? Worin liegt seine Verführungskraft? Und wie bloß, um Himmels willen, ist er zu stoppen?!

  • Pressestimmen

    Intelligent und sehr unterhaltsam

    […]Im Haus des reichen Bürgers Orgon herrscht gepflegte Langeweile. Die Familie vertreibt sich die Zeit mit einem Boule-Spiel. Als Spiel im Spiel beginnt Molières Komödie „Tartuffe“, die am Wochenende in einer spritzigen Inszenierung im Theater Premiere feierte. Die Akteure bewegen sich in Zeitlupe auf der Bühne, die mit regelmäßig gemusterter Wand und Boden wie ein überdimensionales Spielfeld wirkt. Neben den kleinen goldenen Boule-Kugeln bevölkern viele größere, gleich gemusterte Kugeln den Boden.

    […]Mit starken satirischen Zügen hat Molière vor über dreihundert Jahren die Geschichte des frommen Heuchlers, der sich in das Vertrauen eines reichen Mannes einschleicht und diesen beherrscht, geschrieben. Regisseurin Dedi Baron hat das Stück aus dem 17. Jahrhundert in unsere Zeit geholt und gezeigt, wie diese Mechanismen menschlicher Schwächen auch heute noch funktionieren.

    In dem abstrakten Bühnenbild (Kirsten Dephoff)[…]agieren hinter den von Moliere speziell charakterisierten Figurentypen echte Menschen. Ihr geordnetes, langweiliges Leben im Luxus ist aus der Bahn geworfen, zwischen den großen Kugeln suchen sie vergeblich Halt. Diese ständige Bewegung passt perfekt zum Tempo der Komödie sowie dem funkelnden Wortwitz der Sprache.

    Als elegante Dame gekleidet, beherrscht in den ersten Szenen die Zofe Dorine (Caroline Schupa) die Szene. Mit ihrem seltsamen Akzent, der entfernt französischen Anklang hat, hebt sie sich sprachlich von ihren Arbeitgebern ab und wird auf sehr witzige Weise zur führenden Kraft im Komplott gegen Tartuffe.[…]

    Bruno Winzen zeigt hinter dem Starrsinn Orgons die Tragik eines Mannes, der alles hat und trotzdem in seiner Familie zutiefst einsam ist. Dass er auf Tartuffe hereinfällt, hat daher nicht nur komische Züge.

    Es ist ein wunderbarer dramaturgischer Kniff von Molière, dass das halbe Stück lang alle über Tartuffe reden, bevor dieser endlich in Erscheinung tritt. Wenn Henning Kallweit schlicht in schwarz gekleidet und mit seinem schmalen Körper sehr asketisch wirkend endlich kommt, ist man als Zuschauer angenehm überrascht. Da kommt weder der von Orgon beschworene Gott, noch der von den Anderen verteufelte Betrüger, sondern ein Mensch. Sympathisch und harmlos wirkt er zunächst, erst allmählich entpuppt sich der Wolf im Schafspelz.[…]

    Der für ein gelungenes Spiel erforderliche Teamgeist zeigte sich auch bei allen Akteuren. So spielfreudig und präzise agierend hat man das Schauspielensemble schon länger nicht mehr erlebt. Entsprechend begeistert reagierte auch das Publikum.

    [WESTDEUTSCHE ZEITUNG, 18. Februar 2019]

    Blender bleibt am Ball

    […] Gastregisseurin Dedi Baron greift bei ihrer Inszenierung auf die Übersetzung von Wolfgang Wiens zurück – und daran tut sie gut. Denn Wiens bewahrt in seinem Text den altertümlichen Charakter der Sprache, die vor allem in den herrlichen Reimen wahre Funken sprüht. […]

    Die Inszenierung selbst ist modern im Sinne von abstrakt. Statt Möbel zu postieren, rollen im Haus der Hauptfigur Orgon[…] eine unübersehbare Fülle von Bällen unterschiedlicher Größen. Bälle erinnern an kindliches Spiel, ihre Verläufe sind unberechenbar, sie symbolisieren Chaos. Entsprechend kreativ nutzt das Schauspielensemble diese ungewöhnliche Requisite: mal dienen die Bälle als Sessel, mal als Versteck, mal wird auf lebende Ziele gekegelt. Auf der Bühne ist stets quirlige Bewegung.

    Aber der Haupttreffer des spritzigen Spaßes, den dieser Abend bereitet, gebührt den Schauspielern. Sie finden sich köstlich in die Molièrschen Typen hinein. Bruno Winzen […]spitzt in seiner blasierten Selbstzufriedenheit die Dummheit des Orgon zu; Henning Kallweit als Tartuffe könnte in seiner scheinbaren Harmlosigkeit den Klügsten übervorteilen; Esther Keil als Orgons Ehefrau beherrscht alle mimischen Facetten, um dem Betrug ein Ende zu setzen. Ein Glanzlicht setzt „Zofe“ Carolin Schupa, die als stylisches Girlie mit ausländischen Akzenten auftritt und im harschen Gegensatz zu ihrem Outfit die einzig Bodenständige bleibt.

    Die Krefelder Inszenierung hält, was sich der Zuschauer auch im 21. Jahrhundert vom „alten“ Molière versprechen darf: Witz, Gelächter und ein wenig Selbsterkenntnis. Eine Aufführung, die man gern ein zweites Mal sieht. Das Premierenpublikum spendete langen und lauten Beifall, teils sogar stehend.

    [EXTRA TIPP, 18.Februar 2019]

    Tartuffes Spiel mit den Wohlstandsleidenden

    Die israelische Regisseurin Dedi Baron zeigt Molières Komödie als pointenreiche Familienkomödie. […]

    Sie könnten heute Trump heißen. Oder Putin. Als AfD’ler jede Kerbe der Unzufriedenheit tiefer hacken. Oder als Lifestyle-Blogger die Follower anziehen wie ein Schwarm fliegen. Molière lässt das Publikum bis zum dritten Akt warten, bis der Verführer in persona auftaucht, der eine ganze bürgerliche Familie in den finanziellen und menschlichen Ruin treibt. Auch in Dedi Barons Inszenierung ist es lange spannend, wie sich die israelische Regisseurin einen Pseudo-Messias im 21. Jahrhundert vorstellt. Nach einer knappen Stunde tritt er auf: ein Hänfling in schwarzer Hose und schwarzem Rollkragenpulli denkbar unspektakulär, fast beliebig. Eine Enttäuschung. Aber nur für einen Moment.

    Denn diese Unscheinbarkeit ist Stilelement. Baron verzichtet bei Molières „Tartuffe“ auf politische Deutungen. Die Kritik an verlogener Religion, die zu Uraufführungzeiten im 17. Jahrhundert noch einen Eklat und das Bühnenverbot ausgelöst hatten, lässt heute keinen Puls schneller schlagen. Baron ersetzt die Religion nicht, sondern lässt sie als geistiges Kapital stehen, ein Platzhalter, für alles, was Sehnsucht zu stillen verspricht.[…]

    Baron überzeichnet, um Distanz zu schaffen. Sie schwingt keine Moralkeule, sondern führt anhand der Typenkomödie vor, was immer nur anderen passieren kann. Und dabei hat das Publikum viel zu lachen: Esther Keil als erotisch unterforderte Elmire, Joachim Henschke als Madame Pernell, die wie Zarah Leander singt, Vera Maria Schmidt (als Tochter Mariane) und Philipp Sommer (als ihr Verlobter), die jede Gelegenheit zu erotischen Neckereien nutzen, bieten Pointen. Die wunderbar frische und schlagschnelle Übersetzung von Wolfgang Wiens, deren Sprachschönheit vor allem bei Adrian Linke (Cléante) bestens gepflegt ist, verlangt nach Präzision, [die sich ab und an in ekstatischem Rap-Rhythmus entlädt: „Tartuffe-ta-ta“. […]

    Es bleibt eine luftige Komödie, die gefällt. Das Premierenpublikum klatschte lange Beifall.

    [RHEINISCHE POST, 18.Februar 2019]