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WILHELM TELL @ Live-Stream

WILHELM TELL @ Live-Stream

Szenische Lesung unter Coronabedingungen - Friedrich Schillers Schauspiel „Wilhelm Tell“ in einer Bearbeitung von Matthias Gehrt und Thomas Blockhaus - Musik von York Ostermayer
Künstlerische Leitung Matthias Gehrt, Dramaturgie Thomas Blockhaus, Musik York Ostermayer

Live-Stream aus dem Theater Krefeld am 16. Mai um 19.30 Uhr – zu sehen auf dem Youtube-Kanal des Theaters Krefeld und Mönchengladbach.

Der reguläre Vorstellungsbetrieb des Theaters Krefeld und Mönchengladbach ruht Corona-bedingt seit Mitte März. Alle geplanten und veröffentlichten Vorstellungen und Konzerte sind bis Ende der Spielzeit 2019/20 abgesagt. Die für den 16. Mai 2020 angekündigte Premiere von Friedrich Schillers Schauspiel „Wilhelm Tell“ ist verschoben. Statt dieser Bühneninszenierung übertragen wir heute live aus dem Theater Krefeld die szenische Lesung WILHELM TELL @ Live-Stream.

Bei der Erarbeitung und Präsentation dieser Lesung wurden und werden die aktuellen vom Robert-Koch-Institut, der Bundesregierung, der Landesregierung NRW und der Stadt Krefeld verfügten Hygiene- und Verhaltensregeln zum Schutz vor Covid-19 stets eingehalten. Zuschauer sind während dieser Veranstaltung im Theater Krefeld nicht zugelassen.

 

© Bildbearbeitung: Gabriele Trinczek

  • Pressestimmen

     

    Wilhelm Tell mit Laptop und Greta-Thunberg-Zitaten

    Von Christina Schulte

    Es war eine ungewöhnliche Aufführung des Wilhelm Teil: Die Schauspieler betraten mit Mundschutz die Bühne. In die – per Videostream übertragene – Inszenierung wurden Zitate der Klimaaktivistin Greta Thunberg eingebaut. […]

    Das Theater Krefeld Mönchengladbach hat sieh mit seiner jüngsten Produktion an die Corona-Bedingungen angepasst und man kann sagen: Sehr gelungen.

    So wie das Stück mit seinem mittelalterlichen Schweizer Hintergrund aktualisierende Verwandlungen erfahren hat, ist es gleichfalls der Inszenierung von Matthias Gehrt geschehen. Corona wird Theater: Die Schauspieler, alle dunkel gekleidet und mit weißem Mundschutz, betreten einer nach dem anderen die Bühne. Zuerst reiben sie sich die Hände im Desinfektionsmittel und setzen sich dann jeder an einen kleinen runden Tisch. Diese sind in einem großen Kreis aufgestellt. Die Abstände voneinander so groß, dass sie ihre Masken dann ab-legen können. Die Hygienehandlungen haben etwas von liturgischer Konzentration, die Spannung vor Beginn dieser ungewöhnlichen Lesung ist durchaus spürbar, und die inhaltliche Spannung dieses Klassikers aus der napoleonischen Zeit erhält ihre adäquate Begleitung durch die Musik von York Ostermayer.

    Wilhelm Teil wird in der schweizerischen Idylle von Landvogt Geßler (Michael Grosse) dazu gezwungen, das Leben seines Kindes zu riskieren, um eben dieses Leben zu retten. Mit einer Armbrust schießt er dem Kinde den Apfel vom Kopf. Die Grausamkeit des Landvogts bestimmt den Teil zum Tyrannenmord. Damit setzt sich Teil (Paul Steinbach) in seinem abschließenden Monolog auseinander, Die darin liegende Frage danach, was mit einem politischen Mord an einem Vertreter der Macht, dessen Position schnellstens wieder besetzt werden kann, gewonnen ist – das ist die Frage, die der Zuhörer auch auf die eingefügten Gegenwartsbezüge übertragen mag. Denn die Frage nach der Umweltverschmutzung, nach dem Klimawandel werden auf eine kaum merkbare Weise integriert.

    Bekannte Zitate von Greta Thunberg oder weniger geläufige der Kapitänin Carola Rackete, die auf ihrem Schiff italienischen Behörden getrotzt hat, wurden von Dramaturg Thomas Blockhaus an das Schillersche Versmaß angepasst – und so mancher Satz aus dem Original wie etwa von schmelzenden Gletschern oder vertrocknenden Wiesen scheint heutig. Daneben stehen die Sätze Schillers, die schon vor langem ihren Weg in den allgemeinen Wortschatz gefunden haben ‚Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ oder „Früh übt sich, was ein Meister werden will“. […]

    Durch die Aneignung der Möglichkeiten in Zeiten von Corona ist dem Ensemble eine fesselnde, dichte Aufführung gelungen. Der Zuschauer kann sich ganz auf das Wort und dessen Interpretation konzentrieren und gelangt damit in den Sog dieses mehr als 200 Jahre alten Dramas, klug aktualisiert. Dass das Medium ein anderes ist, merkt man erst ganz am Schluss, wenn die Spannung nachlässt – Beifall gibt es nur auf dem Sofa.

     

    (RP, 20.05.2020)

     

     

     

     

    Für offene Ohren

    Friedrich Schiller: Wilhelm Tell

    Von Andreas Falentin

    Es gibt eine seriöse (noch Minder-) Meinung in der Theaterszene. nach der die Klassiker auf der heutigen Bühne nichts mehr verloren haben. Weil der Anteil des potenziellen Publikums, der in der Lage ist, mit der alten Sprache und den überkommenen Strukturen nicht nur etwas anzufangen, sondern diese gar mit der eigenen Zeit der eigenen Lebenswirklichkeit zusammenzubringen. arg gering sei. Der Umgang mit Schillers letztem Stück, derjetzt aus Corona-Not am Theater Krefeld Mönchengladbach gepflegt wird, liefen Argumente dafür. Und dagegen.

    Am 16. Mai hätte „Wilhelm Teil“ in Krefeld Premiere haben sollen. […]

    Das Ensemble sitzt im Kreis. Ton, Bild und die Kameraführung von KRähennest-TV sind auf hohem Niveau professionell. Es wird – einfach gelesen. Ein Erzähler (Bruno Winzen) liefert auch die Regieanweisungen mit. […] Es wird sorgfältig gesprochen. Man hört gerne zu. Zumal der ohnehin packende Beginn mit Raafat Daboul als fliehender Notwehr-Mörder Baumgarten ein starkes, panisch fremdsprachlich auskeilendes Zentrum hat. Bevor man dann im meditativen Blankvers-Flow versinken kann, hält die Textfassung von Regisseur Matthias Gehrt und Dramaturg Thomas Blockhaus erste Irritationen bereit. „Es gibt kein weiter so“ gibt da Gertrud Stauffacher von sich und spricht von verschmutzten Gewässern. Was nicht bei Schiller steht, […]aber gut passt. Ein Thema ist gesetzt. Die Rebellion. die Einigung erfolgt hier nicht ausschließlich gegen und wegen Herrscherwillkür und aus Freiheitsdrang, sondern zum Erhalt des eigenen Landes – vor allem im materiellen Sinn. Dazu wird der Begriff „Heimat‘ hübsch ambivalent umspielt. […]

    […] man kann sich […] an vielem erfreuen, etwa an herausragenden Sprechern wie Esther Keil und Ronny Tomiska, die Schillers alte Sprache auf faszinierende Weise beleben. Oder an Paul Steinbachs Titelfigur, Sympathieträger von Anfang an. sanfter und fatalistischer Eigenbrötler, der jederzeit bereit ist, alles zu wagen. um sich und den seinen unter den nie in Frage gestellten vorgegebenen Regeln und Gesetzen den größtmöglichen Freiraum zu schaffen. Allerdings überfrachtet sein neu aus Versen Hölderlins und Phantasien und Zitaten über die aktuelle Nachhaltigkeitsdiskussion zusammengestellter Schlussmonolog die vorgegebene Dramenstruktur. Jetzt steht der Protagonist nicht mehr als integrer Einzelgänger der sich vereinigenden Gruppe gegenüber, sondern macht sich sozusagen zu ihrem Hausphilosophen. Und das zerhaut rückwirkend die ganze Werk-Dramaturgie ohne neue Blickwinkel zu öffnen.

    Und dennoch: Zur Premiere im Theater käme ich gern.

    (Die deutsche Bühne, 18.05.2020)

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